Donnerstag, 26. Juli 2007

Die Andenausläufer in Piura dem Norden von Peru - Teil 1

Meine erste Reise als Guarango Representantin führt mich und 2 meiner Arbeitskollegen nach Ayabaca, in die Sierra der Region Piura im Norden Perus. Die Ausläufer der Anden in Piura bilden ein Gebiet aus Nebelwäldern, Paramo-Hochland und fruchtbaren, wasserreichen Tälern mit einer einzigartigen Flora und Fauna. Im Paramo-Hochland spürt man die hohe Luftfechtigkeit mit jedem Atemzug und ist umgeben von Wasser in Form von dichten Nebelschwaden und Bergseen. Wasser ist eine der wichtigsten Ressourcen für die hier lebende Bevölkerung, die zum grossen Teil völlig von den Erträgen ihrer Felder abhängig ist und dieses empfindliche Ökosystem aus Paramo-Hochland und Nebelwäldern ist die Quelle dieser kostbaren Ressource. Aber die Nebelwälder und Paramos sind nicht nur wichtig für die in der Zone lebenden Menschen, auch die Bewohner der Küste Piuras - ein trockenes wüstenähnliches Gebiet - beziehen ihr Wasser aus Flüssen deren Quellen in jenem Hochland zu finden sind. Leider ist die Zone auch unter multinationalen Bergbauunternehmen recht beliebt, den es wurden grosse Kupfervorkommen und weitere Minerale entdeckt, die offenbar grossen Gewinn zu versprechen scheinen. Auch die Augen einiger Regierungsmitglieder scheinen vom Leuchten der Dollarzeichen längst verblendet, denn sie waren schnell daran weite Teile des Gebietes als Konzessionen an verschiedene Bergbauunternehmen zu vergeben. Die Bevölkerung über diese Tatsache wenigstens zu informieren ging dabei in der Hitze der Aktion leider unter. In diesem Zuge kam es dazu, dass die Bergbaugesellschaft Monterrico Metals als erste ihre Konzession benutzt um eine 1. Basisstation zu errichten und bereits mit der Exploration der Vorkommen begann, ohne die örtlichen Behörden zu unterrichten, geschweige denn Studien über die Umweltbelastung oder die sozialen Auswirkungen vorzulegen. Dies alles ist möglich aufgrund eines kleinen, aber trickreichen Teils der peruanischen Verfassung. Dieser besagt, dass Bodenschätze ein nationales Gut sind und somit nicht den Besitzern des Landes gehören, sondern Staatseigentum sind. Zudem wurde die Investition in den bzw. der Ausbau des Bergbaus 2001 durch das "höchste Staatsdekret" zum Volksbedürfnis erklärt. Im Klartext steht damit der Bergbau über jedem anderen Gesetz, auch über innerhalb der Constitution verankerten. Für einige Minister scheint dies darüber hinaus selbst die Verletzung von Menschenrechten zu rechtfertigen.

In Piura stellen wir uns zunächst in einer Zusammenkunft des "frente de defensa" den führenden Köpfen der Bewegung gegen den Bergbau im Hochland von Piura vor. Unter dem Namen "frente de defensa" finden sich u.a. Bürgermeister der Regionen Ayabaca, Carmen de la Frontera und San Ignacio, Representanten der "rondas campesinas" - einer Art Bauernbewegung, aber auch gelegentlich Vertreter von NGOs wie "red muqui" um eine gemeinsame Lösung zu finden den Bergbau in der Zone zu verhindern. Wir werden von allen recht warmherzig empfangen, was vor allem auch daran liegt, dass Guarango sich durch die beiden Dokumentarfilme Tambogrande und Choropampa, aber auch durch die Unterstützung abseits der Filme einen guten Namen erarbeitet hat. Am nächsten Tag geht es auf Einladung von Julio Vasquez - einem Medienkorrespondenten der die Consulta Vecinal unterstützt - nach Ayabaca. Begleitet werden wir dabei von 3 Journalisten von regionalen Zeitungen, einer Radiojournalistin, einem Team von Biologen des binationalen Projektes Catamayo-Chira, dem Presidenten der Federación Provincial de las Comunidades Campesinas de Ayabaca - Magdiel Carrión, dem Vizepresidenten der Gemeinde Yanta - Celcio und einigen anderen Bewohnern der Gegend. Julios Grundgedanke als er die Tour organisierte war es, mit den üblichen Klichees der Sierra aufzuräumen und Journalisten die Möglichkeit zu geben sich selbst ein Bild über die Naturvielfalt und die Bewohner der Gegend zu machen. Zunächst geht es nach Yanta wo wir die ersten Vorstellungen über Bord werfen, als wir die Bananenbäume sehen und uns ein Meer aus Papayabäumen mit ihren reifen Früchten locken. Die Ausläufer der Anden in Piura haben eben trotz Hochland einiges mehr zu bieten als Kartoffel, Yuca und Olluco. Etwas weiter in Portachuelo werden wir zunächst den Gemeindemitgliedern vorgestellt, die Menschen des Distriktes Yanta sind sehr darauf bedacht niemanden ihr Gebiet passieren zu lassen, der der Bergbaugesellschaft angehört. Diese Angst und Wut aufgrund des Bergbauprojektes Rio Blanco ist bei jedem Gespräch mit den Menschen die wir treffen anwesend. Die Tatsache das ich Gringa bin, macht mich natürlich doppelt verdächtig. Celcio versucht mir zu erklären warum, "Die Leute der Bergbaugesellschaft versuchen uns hinters Licht zu führen", er sagt es sind Organisationen gekommen mit Projekten zur Verbesserung der Lebenssituation der Menschen, zunächst gaben sie vor nichts mit dem Bergbauprojekt zu tun zu haben, doch die Gemeinde bekamen heraus, dass sie von der Bergbaugesellschaft Majaz bezahlt wurden und verweigerte Ihnen den Zutritt. Seit dem akzeptieren die Gemeinden keine Organisationen mehr in der Gegend, denn es ist sehr schwer für sie heraus zu finden welches Projekt durch die Bergbaugesellschaften finanziert wird und welches nicht. Wenn sie nun diese angeblichen Hilfsorganisationen akzeptiert hätten, so könnte Majaz hinterher ruhigen Gewissens behaupten sie würden Entwicklung für alle bringen. Aber eine Krankenstation ist natürlich ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn diese später überfüllt sein wird mit Menschen die aufgrund der Umweltbelastung durch den Bergbau erkranken. All diese Angst, Wut, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit, die ich in den Augen der Menschen sehe macht mich traurig. Wenn sie keinerlei Hilfe von aussen annehmen, wie wollen sie dann dem Bergbau ein alternatives Entwicklungsprojekt entgegen setzen? Doch das Vertrauen der Menschen wurde offensichtlich zu oft enttäuscht. Obwohl ich mit den Presidenten der Kommunen unterwegs bin, werde ich von allen Seiten argwöhnisch betrachtet. Als ich zur nahgelegenen Schule laufe, werde ich von den Kindern schliesslich mit den Rufen "la mina nos ataca, la gringa nos ataca" begrüsst. Das Ironische daran ist, dass sie dabei den Slogan einer Anti-Minen Kampagne benutzen, den eine Organisation entworfen hat, mit welcher Guarango zusammen arbeitet .

Von Portachuelo geht es weiter zu Fuss oder mit Maultieren, denn selbst die unbefestigten Strassen sind hier zu Ende. Nach guten 6 Stunden Fussmarsch kommen wir in Cabuyal an, wo mir alle zu meinem Durchhaltevermögen gratulieren. Dies liegt wohl vor allem daran, dass die restlichen weiblichen Mitglieder unseres Trupps den Weg auf dem Rücken eines Maultiers zurückgelegt haben. Doch mich beschleicht die Vorahnung, dass dies noch der einfachere Teil der Strecke war und ich bald schon nicht mehr "das Wandern ist des Müllers Lust" trällern werde. Am nächsten Tag werden wir bereits um 5 Uhr geweckt, was mir als der geborenen Frühaufsteherin gleich erst mal die Laune verdirbt. Wie meine Wegbegleiter um diese Zeit bereits Reis mit Maiz und Käse in sich hinein stopfen können, ist mir unklar, doch hier als Frühstück sehr üblich. Ein paar Stunden später werden wir einer Familie vorgestellt, die vor ein paar Wochen einen kleinen Brillenbären auf einem ihrer weiter entfernten Felder gefunden hat. Der Brillenbär ist noch sehr jung und bekommt einen Maizbrei gefüttert, während er angeleint in einer dunklen Hütte hockt. Angsterfüllt sucht er vergeblich nach einer Rückzugsmöglichkeit als wir eintreten und obwohl er mir sehr leid tut, kann ich es mir nicht verkneifen einige Fotos zu machen, auch wenn er sicher nicht gerade begeistert von meinem Blitzlicht ist. Ich hoffe nur die Familie hat ihr Versprechen gehalten und den Bären bald darauf wieder in die Freiheit entlassen, denn mit jedem Tag den er mit Menschen verbringt verschwindet seine Überlebenschance in der Wildnis.

Einige Bergüberquerungen weiter erfüllt sich meine Vorahnung und ich bin ganz froh als ich die Möglichkeit habe auf ein Maultier aufzusteigen. Die Gruppe ist durchweg müde und erschöpft und zu unserem Leidwesen stellt sich heraus, dass Julio Vasquez die Berechnung der Wegstrecke nach den Angaben der Campesinos gemacht hat. Nur leider sind unsere schwachen Küstenfüsse nicht an die hier üblichen Wegstrecken gewöhnt und wir brauchen fast das doppelte der berechneten Zeit. In einem kleinen Waldstück bauen wir schliesslich unsere Zelte auf, um darauf festzustellen, dass wir kein Wasser mehr haben. Unsere Begleiter machen sich auf, Wasser aus einem mehr oder weniger nahegelegenen Bach herbeizuholen und dank der guten Vorbereitungen des Biologenteams gibt es einige Stunden später Reis mit Tunfisch und heissen Tee. Den Nachmittag verbringen wir durchgefroren im Zelt, weiter können wir heute nicht, es regnet in Strömen und der Paramo hat sich zugezogen. Am nächsten Tag trennt sich die Gruppe, die Journalisten haben auf anraten beschlossen zurückzukehren, denn den letzte Teil der Strecke müssen wir ohne die Maultiere zurücklegen. In etwas verkleinerter Runde geht es weiter die letzte Bergkette überqueren, wobei wir uns nur sehr langsam den Berggrad entlang tasten. Die Höhe machte mir einige Schwierigkeiten und ich bekomme kaum Luft, dazu kommt ein Wind der derart stark ist, dass es mich Buchstäblich weggeweht hätte, wenn mich Magdiel nicht am Handgelenk gepackt und weiter gezogen hätte. Der grösste Teil des Weges ist zudem derart schlammig, dass ich nicht nur mehr als einmal bis zum Knöchel im Schlamm stecken bleibe, sondern nach einigen Stürtzen auch sonst überall mit Dreck bekleckert bin. Auf dem Wegstück zur Lagune, dass die Maultiere schon nicht mehr schafften, rutscht selbst der Hengst von Magdiel aus, mitsamt Leslie auf dem Rücken. Ihr ist zum Glück nichts weiter passiert, aber der Schreck sass tief. Der selbstgebraute Zuckerrohrschnaps den wir immer dann verabreicht bekommen, wenn einer von uns nicht mehr weiter kann, hat mir noch nie so gut geschmeckt und noch viel wichtiger, er wärmt und stärkt. Schliesslich erscheint hinter der letzten Bergkuppe die wir überqueren ein wunderschön blauer, klarer Bergsee - la laguna de 7 poderes - und ich weiss allein für diesen Anblick haben sich die Anstrengungen der letzten Stunden gelohnt. Nach dem Abstieg zur Lagune beginnen die Campesinos mit einer rituellen Reinigungszeremonie und Danksagung an die Pachamama (Mutter Erde). Dazu wird der Zuckerrohrschnaps durch die Nase inhaliert und böse Geister werden mittels einer perfumierten Wasser - Alkohol Mischung, Schnaps den der Schamane durch die Zähne in alle 4 Himmelsrichtungen versprüht, Macheten und gesegnete Gegenstände, die am Körper der zu kurierenden Person entlang geführt werden, vertrieben. Der "Höhepunkt" dieser Zeremonie ist das Bad im 3 Grad kalten Wasser der Lagune und der sich anschliessende Lauf auf einen kleinen Hügel um der Pachamama Respekt zu bezeugen. Angesichts des herschenden Windes und der Wassertemperatur war die Zeremonie für mich wirklich beeindruckend. Als ich an der Reihe bin, lasse ich dann allerdings das Inhalieren durch die Nase und das Bad in der Lagune weg, denn auch wenn diese Lagune noch so heilig sein mag, so bringen mich keine 10 Pferde in 3 Grad kaltes Wasser, noch dazu wenn weder Handtuch noch Wechselsachen in der Nähe sind. Etwas später zieht der Paramo dann heran und wir machen uns schnell an den Rückweg, denn der Paramo - in dem Fall der Nebel - ist so dick, dass man kaum 2 Meter weit sehen kann und es so gut wie unmöglich ist den Rückweg zu finden, wenn man einmal von diesem Nebel eingeschlossen ist. Aufgrund unserer Wasserknappheit (wir haben - weiss Gott warum - nicht daran gedacht genügend Wasser aus der Lagune zu sammeln) entscheiden wir uns, angekommen am Zeltplatz der letzten Nacht, den kompletten Rückweg nach Cabuyal anzutreten. Da sich die Biologinnen seit dem Unfall beim Aufstieg weigern auf eines der Maultiere aufzusteigen, habe ich auf dem Rückweg nach Cabuyal das Vergnügen meinem Maultier zu vertrauen und mich über die schmalen Berggrade tragen zu lassen. Das ist besonders nach Einbruch der Dunkelheit sehr angenehm, da nicht nur unser Wasservorrat ausgegangen ist, sondern auch die Anzahl der Taschenlampen sehr begrenzt ist. Ich habe also bei einer wunderschönen, sternenklaren Nacht Gelegenheit mich einmal mehr davon zu überzeugen, wieviel mehr Sterne hier am Himmel zu beobachten sind und unsere Bergführer aufgrund meines begrenzten Wissens an spanischem Vokabular im Themenbereich der Astronomie, mit Ausrufen wie "Oh, der grosse Bär" zu erschrecken. Da ich auf dem Maultier sitze, dass die gesammelten Wasserproben trägt, habe ich zudem Mühe alle Mitglieder der Gruppe davon abzuhalten, einen Schluck dieses Wassers zu trinken. Um die Wasserqualität der Lagune nachzuweisen, hatten die Biologen die Proben sogleich mit verschiedenen Chemikalien vermischt, die eher ungewünschte Nebeneffekte im menschlichen Körper verursacht hätten. Nach einem sehr interessante aber unglaublich anstrengenden Tag, kommen wir schliesslich recht erschöpft und halb verdurstet in Cabuyal an. Der Weg nach Portachuelo am nächsten Tag kommt uns dagegen recht kurz vor, was aber auch an unserer guten Unterhaltung liegen mag. Unsere Begleiter hatten bis früh am Morgen die Schnapsflasche kreisen lassen, was allerdings nicht alle wirklich gut vertragen haben. So haben wir einiges zu lachen, während wir den völlig betrunkenen Chamba auf seinem Maultier hin und her schwanken sehen, mal halb schlafend, mal übermütig das Maultier antreibend, bis er mit samt Gepäck vom Sattel rutscht um daraufhin von Celcio ermahnt zu werden. Zurück in Ayabaca, nach einer langen heissen Dusche und einer angenehmen Nacht im Hotelbett, trenne ich mich von Julio und Javier - dem Rest der Guarango Gruppe - um mit den Biologen zurück nach Piura zu fahren und von dort aus den Weg nach Lima anzutreten.

Keine Kommentare: