Ich wache auf. Der Wecker neben dem Bett zeigt 4:20 Uhr. Mir ist kalt. Das Phänomen der eiskalten Füsse begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Mein Freund ist aufgewacht, er umklammert meine eisigen Füsse mit den seinen, um sie zu wärmen. Das weckt Erinnerungen. Tränen schiessen mir in die Augen. "Erzähl mir von ihr" murmelt mein Freund.
Durch einen Tränenschleier sehe ich mich, etwa 5 Jahre alt, im Bett meiner Grosseltern liegen. "Darf ich bei euch schlafen?" hatte ich gefragt. Natürlich durfte ich. Wieder hatte ich eiskalte Füsse, doch diesmal war es meine Oma, die mir die Füsse rieb, mich mit der grossen, schweren Bettdecke zudeckte und mir "gut Nacht" sagte. "Wir kommen ja auch bald schlafen" beruhigte sie mich. Als Kind hatte ich immer Angst allein zu schlafen. Zu viele Gruselfilme. Um meinem grossen Bruder zu beweisen wie mutig ich bin. Doch eigentlich war ich es nicht. Nun konnte ich nicht einschlafen. Ich lauschte. Wenn man genau hinhörte, konnte man den Fernseher im Wohnzimmer hören. Erst als meine Grosseltern auch ins Bett kamen, konnte ich einschlafen. Zwischen den beiden liegend, beschützt, gewärmt, glücklich.
Ich war das Wunschkind, das meine Oma selbst nie hatte. Nachdem mein Vater geboren wurde, hatten sie, auf Wunsch meines Opas, keine weiteren Kinder bekommen. Doch meine Oma hätte gern noch ein Mädchen gehabt. Oft hatte sie mir die Geschichte erzählt. Wie sie gewartet haben, ungeduldig. Bis dann, endlich, die Nachricht kam. "Mutter und Kind sind wohlauf. Es ist ein Mädchen." Ich war auf der Welt. An diesem Punkt der Geschichte sah sie mich stets mit einem strahlen in den Augen an und ich fühlte mich so geliebt, wie man sich nur geliebt fühlen kann.
Sie war stets stolz auf mich. Sie freute sich über die Möglichkeiten, die ich habe über mein eigenes Leben zu bestimmen. Möglichkeiten die sie nie hatte. Dennoch hatte sie immer Angst um mich und war besorgt, dass ich mir zu viel zumuten würde und mir etwas passieren könnte. Als ich nach Peru ging sagte sie stolz und ängstlich zugleich: "So weit weg, meine Kleine! Und ganz alleine, hast du da keine Angst? Ich würde mich das nicht trauen."
Ich war und bin es immer geblieben, ihre kleine Enkelin, der sie heimlich auf dem Heimweg folgte, um sicher zu gehen, dass sie auch gut ankommt. Bemerkt habe ich sie trotzdem und viel später wurde mir klar, warum sie meinem Wunsch allein zu gehen nachgegeb hatte und mir dann trotzdem gefolgt war. "Ich kann schon allein gehen. Ich bin schon gross und kenne den Weg." hatte ich ihr gesagt. Bis über die Brücke war sie mir nachgegangen und schaute mir lange nach, obwohl es von dort aus nur noch ein kleines Stück war.
Als mein Opa starb, war sie am Boden zerstört. Er war ihre grosse Liebe. Lange, ungewisse Monate hatte sie auf ihn gewartet, als er in Kriegsgefangenschaft in Russland war. Lange Zeit ohne jede Nachricht von ihm. Freunde, sogar ihre Familie hatten ihr geraten sich einen neuen zu suchen. "Er kommt nicht zurück" hatten sie gesagt. Doch sie wollte keinen anderen. Sie wartete. Die Geschichte meiner Grosseltern ist die schönste Liebesgeschichte die ich kenne.
Und nun ist auch sie fort. Als ich sie das letzte mal besuchte, wusste ich, dass es der Abschied für immer sein würde. Lange sass ich an ihrem Bett und erzählte ihr von meinen Plänen, bis ich sicher war, dass sie mich erkannt hatte. "Ich hab dich lieb" sagte ich zum Abschied und nahm sie in den Arm. "Ich hab dich auch lieb" erwiederte sie und Tränen stiegen ihr in die Augen. Es tat weh sie so leiden zu sehen. Auf dem Heimweg brach ich weinend zusammen. "Es ist besser so" sagte ich zu mir selbst. Doch es half nichts, der Abschiedsschmerz wurde nicht weniger.
Wir sind gerne egoistisch, wenn es darum geht einen geliebten Menschen bei uns behalten zu wollen. Auch wenn er leidet. Und es ist schwer nicht egoistisch zu sein. Genauso schwer, wie sich von einem geliebten Menschen für immer zu verabschieden.
Freitag, 18. April 2008
Abschied
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